Griffkampf im Judo (Kumi-kata) – Gegneranalyse für den nächsten Kampf

In diesem Beitrag
Zweiter Kampf des Tages, und dir gegenüber steht ein Linkskämpfer, gegen den du schon einmal gekämpft hast. Von damals ist nur ein Bild geblieben – seine Hand hoch in deinem Kragen, sein Arm über deiner Schulter. Welchen Griff er zuerst genommen hat und was du in den Sekunden davor mit deinen Händen gemacht hast, weißt du nicht mehr. Genau damit beginnt aber der zweite Kampf gegen ihn.
Wer auf Bezirks- und Landesebene kämpft, trifft dieselben Gegner immer wieder, auf Turnieren wie bei Lehrgängen, und im Randori jede Woche dieselben Partner. Der Griffkampf lässt sich gut beobachten, denn er beginnt nach jedem Mate von vorn. Worauf du beim Gegner achten kannst, geht dieser Beitrag der Reihe nach durch – Auslage, Griffaufnahme, Angriffe, Übergang zum Boden, Strafen. Danach kommt der Teil, in dem aus ein paar Zeilen ein Plan für den nächsten Kampf wird. Das Gegnerbuch ist dabei das Werkzeug, nicht der Zweck.
Gleiche oder gegengleiche Auslage
Schreib als Erstes auf, ob dein Gegner rechts oder links kämpft, also mit welcher Hand er ans Revers geht und welchen Fuß er vorn hat. Mit seiner Schreibhand muss das nichts zu tun haben. Zusammen mit deiner eigenen Auslage ergibt sich daraus, wie ihr euch gegenübersteht – in gleicher Auslage (Ai-yotsu), wenn ihr beide rechts oder beide links kämpft, in gegengleicher (Kenka-yotsu), wenn einer rechts und der andere links steht. Gleich oder gegengleich ist dabei keine Eigenschaft des Gegners, sondern eurer Begegnung. Wechselt einer von euch die Auslage, wird aus dem einen das andere, und ein einziger Kampf legt niemanden dauerhaft fest.
Wie viel an der Auslage hängt, zeigt eine Beobachtungsstudie, die Javier Courel-Ibáñez von der Universität Granada 2014 mit Kollegen aus Granada sowie von den Universitäten São Paulo und Niš im International Journal of Performance Analysis in Sport veröffentlicht hat. Ausgewertet wurden 242 Kämpfe von zwölf World-Ranking-Turnieren, Männer und Frauen der Weltspitze. Wer auf der Seite seines eigenen Griffs angriff, erzielte häufiger eine Wertung und gewann häufiger den Kampf, und zwar unabhängig von Geschlecht und Gewichtsklasse. Am wirksamsten waren Angriffe auf der Griffseite in Kenka-yotsu, vor allem in den leichten Klassen; auch Angriffe auf der Griffseite in Ai-yotsu und Angriffe, bei denen nur der Angreifer einen Griff hatte, hingen mit dem Sieg zusammen.
Beobachtet wurde das an Spitzenkämpfern; ein Experiment mit Vereinsjudokas war es nicht. Eine Regel „Greif immer auf deiner Griffseite an“ folgt daraus nicht, eine Wahrscheinlichkeit für deinen nächsten Kampf schon gar nicht. Was wir für die Notiz daraus ziehen, ist unsere Deutung – halte fest, auf welcher Seite der Gegner greift, zu welcher Seite er angreift und ob beides zusammenpasst. Notier dazu, ob ihr gleich oder gegengleich steht, denn davon hängt ab, was „auf der Griffseite“ für jeden von euch überhaupt bedeutet.
Die Griffaufnahme
Dann der erste Griff selbst. Welchen Griff sucht der Gegner zuerst, und mit welcher Hand? Ärmel, Revers oder Kragen, hoch am Kragen bis in den Nacken, über den Rücken, über Kreuz oder am Gürtel, soweit die Regeln das zulassen. Wie er auf deine Griffe reagiert, gehört dazu – löst er sie, reißt er sich los, greift er sofort neu? Greift er schon mit einer Hand an oder wartet er, bis er beide hat? Und wie lange hält er den Griff, bevor er zum Wurf ansetzt?
Erster Griff: rechte Hand an meinem rechten Ärmel, dann links hoch in den Kragen. Greift kurz nach dem zweiten Griff an. So kurz darf die Notiz sein.
Was dabei üblich ist, haben Daniel Brandão Kashiwagura und Emerson Franchini von der Forschungsgruppe für Kampfkünste und Kampfsport der Universität São Paulo zusammengetragen. Für ihre 2022 in der Revista de Artes Marciales Asiáticas erschienene Übersichtsarbeit (Scoping-Review) zu 41 Studien über den Griffkampf haben sie 286 Arbeiten gesichtet; erfasst ist die englischsprachige Literatur bis Dezember 2020. Der häufigste Griff war der Ärmel-Revers-Griff, und am häufigsten wurde in gegengleicher Auslage gekämpft, also Kenka-yotsu. Erfahrenere Judokas griffen nach der Griffaufnahme schneller an; Männer, vor allem in den schweren Klassen, hielten den Griff länger und fassten öfter mit beiden Händen ans Revers, eine eher defensive Fassart. Nach den heutigen Regeln, so die Autoren, setzt jeder Wurf einen Griff voraus.
Die Übersichtsarbeit fasst überwiegend Beobachtungen aus dem Spitzenbereich zusammen – Tendenzen von Gruppen, keine Regel für den Einzelnen. Für dein Buch taugen diese Tendenzen als Vergleichsmaßstab. Interessant ist, wo ein bestimmter Gegner davon abweicht. Greift er direkt aus dem ersten Griff an? Richtet er sich in einem langen beidhändigen Griff ein? Nimmt er einen ungewöhnlichen Griff, über den Rücken, über Kreuz, am Gürtel? Und was macht er damit?
Spezialtechnik, Richtung, Kombination
Jeder Judoka hat eine Spezialtechnik, und meistens kennt sie der halbe Bezirk. In die Notiz gehört mehr als ihr Name. Wohin wirft er, nach vorn oder nach hinten, und zu welcher Seite? Womit bereitet er den Wurf vor, welche Kombinationen und Finten benutzt er, und passt die Angriffsseite zur Griffseite? Genauso wichtig ist, was nach einem misslungenen Angriff kommt – geht er in die Bank, steht er sofort wieder auf oder kontert er?
Dass die Richtung mehr ist als ein Detail, legt eine ältere Arbeit nahe. In einer 2008 in Perceptual and Motor Skills erschienenen Studie verglich Emerson Franchini von der Universität São Paulo mit Kollegen 17 Medaillengewinner der Gruppe „Super Elite“, die Besten ihrer Gewichtsklasse, mit 16 weiteren Medaillengewinnern von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwischen 1995 und 2001. Die Super-Elite-Gruppe erzielte ihre Wertungen mit mehr verschiedenen Wurftechniken und in mehr Richtungen; die Zahl der Techniken und die Vielfalt der Richtungen hingen mit Siegen und Wertungen zusammen. Die Studie ist alt, betrachtet nur Medaillengewinner, beruht allein auf Beobachtung und stammt aus der Zeit vor mehreren Regeländerungen; auf das heutige Regelwerk und die Vereinsebene lässt sie sich nicht übertragen. Sie ist nur der Anlass, neben dem Lieblingswurf auch die Richtungen zu notieren, in die ein Gegner angreift. Auf einen Gegner, der mit einem Wurf in eine Richtung kommt, bereitest du dich anders vor als auf einen, der mit mehreren Würfen in mehrere Richtungen angreift.
Was am Boden passiert
Am Boden gilt dasselbe wie im Stand – schreib nur auf, was du gesehen hast. Womit versucht er, dich aus der Bank umzudrehen, welchen Haltegriff, welchen Würger oder Hebel sucht er? Arbeitet er am Boden überhaupt, oder wartet er in der Bank, bis der Kampfrichter Mate gibt und beide wieder aufstehen? Ein Gegner, der nach jedem misslungenen Wurf in die Bank geht, stellt dir eine andere Aufgabe als einer, der sofort aufsteht und weiterkämpft. Wenn du regelmäßig mit denselben Partnern am Boden trainierst, hilft dir dieselbe Art von Notiz auch dort; wie das im Grappling aussieht, zeigt der Beitrag zum Trainingstagebuch im BJJ.
Shido, Schlussphase und Golden Score
Strafen gehören in die Notiz, für beide Seiten und mit dem Grund, so wie du ihn verstanden hast. Ein Shido wegen Inaktivität sagt etwas über den Griffkampf davor; wer bestraft wurde und wofür, gehört zum Verlauf des Kampfs. Regelartikel schreibst du dabei nicht ab – die Regeln ändern sich, deine Beobachtung bleibt. Halte auch fest, wie sich der Gegner in der letzten Minute verhält und, wenn es dazu kam, im Golden Score, also in der Verlängerung. Greift er dann noch an? Hält er nur noch den Griff und wartet?
Dein eigener Anteil
Die zweite Hälfte jeder Seite gehört dir. Wo hast du den Griffkampf verloren? Wann warst du selbst passiv, wofür hast du Shido bekommen? Und was hat funktioniert, auch wenn es nur einmal war? Ein Gegenbeispiel zum ersten Eindruck gehört genauso ins Buch wie der Eindruck selbst, sonst steht beim nächsten Lesen nur dein Frust von damals auf der Seite.
Beschreib Handlungen, keine Gemütszustände. „Nach der ersten Wertung hat er nicht mehr angegriffen“ ist eine Notiz. „Er hatte Angst“ ist keine – das ist eine Deutung, und ob sie stimmt, weißt du nicht.
Was die Forschung hergibt und was nicht
Dass der Griffkampf diese Aufmerksamkeit verdient, stützt eine systematische Übersichtsarbeit von Suzan Schoof, Froukje Sliedrecht und Marije Elferink-Gemser von der Universität Groningen und dem Universitätsklinikum Groningen, erschienen 2024 im International Journal of Sports Science & Coaching. Die drei werteten 23 Studien zu Merkmalen aus, die Judokas verschiedener Leistungsstufen voneinander unterscheiden, und fanden starke Belege dafür, dass sich die Leistungsstufen an Merkmalen des Griffkampfs unterscheiden lassen; bessere Judokas zeichneten sich außerdem dadurch aus, dass sie den Gegner werfen und ihre Technik variieren konnten. Die Arbeit ist auf Talentsichtung angelegt, fasst Beobachtungsstudien zusammen und sagt nicht, welchen Griff du nehmen sollst. Sie ist ein Grund, hinzusehen, kein Rezept.
Keine der vier Arbeiten hat geprüft, ob Notizen im Judo zu besseren Ergebnissen führen. Die fünf Felder unten und der Vorschlag mit den zwei Tests sind unsere Arbeitsvorlage, kein geprüftes Verfahren. Ob Nachdenken über den eigenen Kampf die Leistung verbessert, ist eine eigene Frage; der Beitrag über Reflexion und sportliche Leistung zeigt, was sich dazu belegen lässt und was nicht.
Fünf Felder, die reichen
Stichworte genügen, solange du später noch weißt, wer was gemacht hat. Wo du etwas nicht weißt, lass die Stelle leer.
Kampf: Turnier und Runde oder Randori, Gegner, Gewichtsklasse, gleiche oder gegengleiche Auslage (Ai-yotsu oder Kenka-yotsu) und die Quelle (Gedächtnis, Video oder was der Trainer gesehen hat).
Griffe: Erster Griff und Hand, wo genau, Reaktion auf deine Griffe, eine oder zwei Hände, Zeit bis zum Angriff.
Angriffe und Ne-waza: Würfe, Richtung, Vorbereitung, ob Angriffsseite und Griffseite zusammenpassen, was nach einem misslungenen Angriff kommt, Verhalten am Boden.
Mein Anteil: Wo ich den Griffkampf verloren habe, Strafen, Passivität, was einmal funktioniert hat.
Nächster Test: Zwei Anpassungen, jede mit der Bedingung, unter der ich sie wieder aufgebe.
Erfinde keine Zahlen; „mehrmals“ ist ehrlicher als eine Quote, die du nie gezählt hast. Ein Muster, das du zweimal gesehen hast, ist eine Vermutung; ein Gegenbeispiel streichst du deshalb nicht, sondern schreibst es dazu. Gibt es eine Aufnahme, prüf deine Erinnerung daran. Wie schnell Einzelheiten eines Kampfs verblassen, beschreibt der Beitrag über Erinnerung und Vergessen im Sport; eine feste Frist, bis zu der du geschrieben haben musst, lässt sich daraus nicht ableiten. Schreib, solange du den Ablauf noch nachvollziehen kannst. Eine Skizze der Matte oder ein Pin in der App braucht eine Beschriftung, die sagt, was dort passiert ist – ein Punkt allein ist keine Notiz.
Ein erfundenes Beispiel vom Bezirksturnier
Dieser Eintrag ist ausgedacht. Er stammt weder aus einem Nutzerkonto noch aus einer der genannten Studien und soll nur zeigen, wie so eine Seite aussehen kann.
Kampf: Bezirksturnier, zweiter Kampf des Tages, gegen Malte (-73 kg), schon einmal gegen ihn gekämpft. Er kämpft links, ich rechts, also Kenka-yotsu. Aus dem Gedächtnis und aus dem Handyvideo meiner Vereinskameradin Mira, das erst ab der Hälfte läuft. Nichts gezählt.
Griffe: Erster Griff mit der rechten Hand an meinem rechten Ärmel, dann die linke Hand hoch in den Kragen, über meinen Arm drüber. Kurz nach dem zweiten Griff greift er an.
Angriffe und Ne-waza: Fast immer Uchi-mata, links und nach vorn. Wenn ich mich nach vorn abbeuge, kommt Ko-uchi-gari. Beide Angriffe gehen zu seiner linken Seite, also auf seine Griffseite. Nach einem misslungenen Uchi-mata ist er in die Bank gegangen und hat gewartet, bis der Kampfrichter Mate gab und uns wieder aufstehen ließ.
Mein Anteil: Ich wollte jedes Mal zuerst ans Revers und habe jedes Mal den Ärmel verloren. Ein Shido wegen Inaktivität, so habe ich es jedenfalls verstanden. Mein O-uchi-gari, nur mit einer Hand am Revers, war einmal fast eine Wertung – ganz aussichtslos waren meine Angriffe also nicht.
Nächster Test: (A) Zuerst um den Ärmel kämpfen und seine rechte Hand nicht an meinen Ärmel lassen, dann früh aus dem ersten Griff angreifen. Aufgeben, wenn er stattdessen zuerst den Kragen nimmt oder wenn meine Angriffe zu langsam kommen, um etwas zu bewirken.
(B) Wenn er in die Bank geht, einmal versuchen, ihn umzudrehen, so wie wir es im Training üben. Steht er sofort auf oder unterbricht der Kampfrichter schnell, die Energie wieder in den Standkampf stecken.
Lies die beiden Tests vor dem nächsten Aufeinandertreffen mit deinem Trainer durch und trag danach ein, was davon aufgegangen ist. Ein paar Szenen aus dem Griffkampf, an die du dich erinnerst, sind Hinweise zum Überprüfen, keine Wahrscheinlichkeiten.
Vor dem nächsten Kampf
Prüf schon in den ersten Sekunden des Griffkampfs, ob das Muster noch stimmt. Gegen einen Gegner, der die Auslage gewechselt hat oder in einer anderen Gewichtsklasse antritt, brauchst du einen anderen Plan, ebenso wenn deine eigene Ausführung anders ausfällt als geplant. Lass einen Test fallen, sobald seine Abbruchbedingung eintritt; dafür hast du sie aufgeschrieben.
Vergleich nach ein paar Turnieren die Seiten verschiedener Gegner. Verlierst du gegen jeden Linkskämpfer den Ärmel, liegt das Problem nicht beim Gegner, sondern bei dir, und es ist konkret genug, um daran zu trainieren. Nimm eine einzige Frage zum Griff mit ins Randori oder ins Uchi-komi: „Wie komme ich gegen einen Linkskämpfer zuerst an den Ärmel?“ Bitte einen Partner, den Griff des Gegners nachzustellen, rechte Hand am Ärmel, linke hoch in den Kragen. Dass dir das Ergebnisse bringt, kann niemand versprechen. Dass du beim nächsten Mal weißt, worauf du achten willst, ist der bescheidenere Gewinn.
Wo diese Seiten liegen, ist im Judo keine Nebensache; was du über den Griff eines Gegners weißt, geht niemanden sonst etwas an. In der Kontodatenbank von OpponentBook liegt keine gespeicherte Kopie deines Buchs; synchronisierte Einträge liegen in dem Speicher, den du selbst verbindest. Wenn du eine KI-Funktion startest, werden die dafür nötigen Inhalte über einen Server von OpponentBook an den externen KI-Anbieter weitergegeben. Die optionale Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt verschlüsselte Einträge zusätzlich vor dem Speicheranbieter; Fotos, Videos und die für den Speicheranbieter sichtbaren Dateimetadaten sind davon ausgenommen. Genauer steht das im Beitrag darüber, warum deine Notizen taktische Geheimnisse sind. Für Judo zeigt OpponentBook eine Zeichnung der Matte, auf der du Pins setzt; einen Pin kannst du auch über eine Liste benannter Positionen setzen, etwa „Stand — Griffkampf“, „Kuzushi (Gleichgewichtsbruch)“ oder die Ne-waza-Positionen von „Ne-waza — Kesa-gatame“ bis „Ne-waza — Bankposition“. Ein solcher Pin beschreibt die Situation, nicht den Ort auf der Zeichnung; eine Notiz dazu braucht er trotzdem. Das Gegnerbuch selbst ist kostenlos.
Nimm dir heute Abend deinen letzten Kampf oder dein letztes Randori vor. Schreib auf, welchen Griff der andere zuerst genommen hat – und was danach kam. Mehr braucht die erste Seite nicht.


